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Das Jahr ohne Sommer

Von Multifaucet Team 16. Juni 2026 9 Min. Lesezeit 14 Aufrufe
Das Jahr ohne Sommer: Wie ein Vulkan 1815 die Welt veränderte – und nebenbei Frankenstein, das Fahrrad und die schönsten Sonnenuntergänge der Kunstgeschichte erschuf Stell dir vor, irgendwo auf der anderen Seite der Welt explodiert ein Berg – und ein Jahr später erfrieren in deinem Dorf die Ernten mitten im Juni. Niemand versteht, warum. Es gibt kein Internet, kein Telefon, keine Wettervorhersage. Nur grauen Himmel, Hunger und das Gefühl, dass mit der Welt etwas grundlegend nicht stimmt. Genau das ist 1816 passiert. Und schuld war ein Vulkan, von dem die meisten Menschen in Europa nie gehört hatten: der Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa. Seine Eruption im April 1815 war der größte Vulkanausbruch der aufgezeichneten Menschheitsgeschichte – und sie löste eine Kette von Ereignissen aus, die bis heute in unserer Kultur nachhallt. Das ist die wahre Geschichte, wie ein einziger Berg die Literatur, die Mobilität und sogar die Malerei für immer veränderte. Der Berg, der sich selbst auslöschte Bevor er 1815 in die Luft flog, war der Tambora einer der höchsten Berge Indonesiens – ein stattlicher Stratovulkan von rund 4.300 Metern Höhe. Schon ab 1812 hatte er gegrummelt, kleine Aschewolken ausgestoßen, die Erde zittern lassen. Die Menschen auf Sumbawa gewöhnten sich daran. Vulkane gehören in dieser Weltgegend zum Leben. Am 5. April 1815 begann dann der Ernstfall, und am 10. April folgte der gewaltige Höhepunkt. Was nun geschah, sprengt die Vorstellungskraft: Der Tambora schleuderte über 100 Kubikkilometer Gestein, Asche und Gas in den Himmel. Die Eruptionssäule stieg mehr als 40 Kilometer hoch – bis weit in die Stratosphäre. Die Explosionen waren über 2.000 Kilometer entfernt zu hören, etwa auf der Insel Sumatra, wo manche glaubten, ferne Kanonen würden eine Schlacht austragen, und Soldaten ausschickten. Glühende Lawinen aus Gas und Gestein – sogenannte pyroklastische Ströme – rasten die Hänge hinab und löschten alles aus, was ihnen im Weg stand. Das Königreich Tambora, samt seiner Sprache und Kultur, verschwand praktisch über Nacht von der Landkarte. Tsunamis von mehreren Metern Höhe trafen die umliegenden Inseln. Als der Rauch sich legte, war der Berg selbst kleiner geworden: Seine Spitze war kollabiert, die Höhe von rund 4.300 auf etwa 2.850 Meter geschrumpft. Fast ein Drittel des Berges hatte sich in Luft aufgelöst. Auf der gängigen Skala für Vulkanstärke, dem Vulkanexplosivitätsindex (VEI), erreichte der Ausbruch die Stufe 7 von 8 – eine Wucht, wie sie die Erde in über tausend Jahren nicht erlebt hatte. Unmittelbar starben rund 10.000 bis 12.000 Menschen. Doch das war erst der Anfang. Hungersnot und Seuchen ließen die Opferzahl auf der Inselregion weiter steigen – Schätzungen reichen von über 70.000 bis zu 90.000 Toten und mehr. Damit zählt der Tambora zu den tödlichsten Vulkanausbrüchen, die je dokumentiert wurden. Die unsichtbare Waffe: Wie der Himmel zur Falle wurde Das eigentlich Unheimliche am Tambora war nicht die Explosion selbst. Es war das, was sie unsichtbar in die Höhe schoss: winzige Schwefelpartikel und Aerosole, die so hoch in die Atmosphäre gelangten, dass sie sich rund um den ganzen Globus verteilten – und dort jahrelang blieben. Diese Schleier aus feinsten Teilchen wirkten wie ein dünner, planetenweiter Sonnenschirm. Sie reflektierten einen Teil des Sonnenlichts zurück ins All, bevor es die Erdoberfläche erreichte. Die Folge: Die Welt kühlte ab. Im globalen Mittel sanken die Temperaturen um schätzungsweise 0,4 bis 0,7 Grad Celsius – was wenig klingt, aber für das empfindliche Gleichgewicht der Jahreszeiten verheerend war. Auf der Nordhalbkugel, die am härtesten getroffen wurde, gerieten ganze Wettersysteme durcheinander. Niemand auf der Welt verstand damals den Zusammenhang. Wie auch? Der Vulkan stand zehntausend Kilometer entfernt, Nachrichten reisten über Wochen per Schiff, und die Wissenschaft hatte keine Werkzeuge, um eine Eruption in Indonesien mit einem Frostmorgen in Vermont zu verbinden. Die Menschen erlebten die Katastrophe, ohne ihre Ursache je zu erfahren. 1816: Das Jahr, in dem der Sommer nicht kam Das folgende Jahr ging als „Year Without a Summer" – das Jahr ohne Sommer – in die Geschichte ein. In Neuengland fiel im Juni Schnee. In Kanada fror Wasser in den Sommermonaten zu. In Mitteleuropa regnete es scheinbar endlos; die Flüsse traten über die Ufer, die Felder ertranken, das Korn faulte, bevor es reifen konnte. Für eine Welt, die fast vollständig von der eigenen Ernte lebte, war das eine Katastrophe. Die Lebensmittelpreise explodierten. In Großbritannien und Frankreich kam es zu Hungerunruhen. In der Schweiz, die besonders schwer betroffen war, rief die Regierung den nationalen Notstand aus. Der Historiker John D. Post nannte 1816 später „die letzte große Versorgungskrise der westlichen Welt". In Nordamerika blieb die große Hungersnot zwar aus, doch die verdorbenen Ernten trieben viele Familien aus Neuengland fort. Sie zogen westwärts, auf der Suche nach besserem Boden – nach Ohio und in den Mittleren Westen. Ein Vulkan in Indonesien half so, die Besiedlung des amerikanischen Westens anzuschieben. Aber – und hier wird die Geschichte erst richtig erstaunlich – aus diesem grauen, hungrigen Jahr ging auch eine Reihe kultureller Wunder hervor. Der düstere Sommer am Genfersee – und die Geburt von Frankenstein Im Juni 1816 hatte sich am Ufer des Genfersees eine illustre Gesellschaft eingefunden: der berüchtigte Dichter Lord Byron, sein junger Leibarzt John Polidori, die 18-jährige Mary Godwin (die bald als Mary Shelley berühmt werden sollte), ihr Geliebter Percy Bysshe Shelley und Marys Stiefschwester Claire Clairmont. Sie hatten sich Erholung in den Alpen erhofft. Stattdessen hielt das vulkanische Wetter sie tagelang im Haus gefangen – kalter Regen, fahles Licht, Gewitter über dem See. Aus Langeweile schlug Byron eine Wette vor: Jeder solle eine Schauergeschichte schreiben. Mary Godwin rang tagelang mit einer Idee. Dann, so erzählte sie es später, kam ihr in einer Art Halbtraum das Bild eines Wissenschaftlers, der aus totem Gewebe ein Wesen zum Leben erweckt – und vor seiner eigenen Schöpfung zurückschreckt. Aus dieser Vision wurde Frankenstein oder Der moderne Prometheus, 1818 veröffentlicht und bis heute einer der einflussreichsten Romane überhaupt – die Geburtsstunde der modernen Science-Fiction. Aus derselben Runde stammt noch mehr: Polidori schrieb The Vampyre, die erste moderne Vampirerzählung, die später Bram Stokers Dracula den Weg ebnete. Und Lord Byron verfasste sein verstörendes Gedicht Darkness, das eine Welt ohne Sonne beschreibt – inspiriert, so wird vermutet, vom verfinsterten Himmel jenes Jahres. Das literarische Erbe eines verregneten Urlaubs ist schlicht gigantisch. Kein Hafer für die Pferde – und plötzlich gab es das Fahrrad Während Dichter Romane schrieben, kämpfte der Rest Europas mit einem ganz praktischen Problem. Die Missernten trafen nicht nur die Menschen, sondern auch ihre wichtigsten „Motoren": die Pferde. Hafer, das zentrale Futtermittel, wurde knapp und teuer. Viele Tiere mussten notgeschlachtet werden. Eine Welt, die sich auf Pferdekraft verließ, stand vor einem Mobilitätsproblem. Im deutschen Baden grübelte ein Beamter und Erfinder namens Karl Drais über Alternativen nach. 1817 stellte er seine „Laufmaschine" vor – ein zweirädriges Holzgefährt, auf dem man sitzend mit den Füßen vom Boden abstieß und rollte. Es hatte noch keine Pedale, aber zwei Räder, einen Lenker und einen Sattel. Es war der direkte Urahn des Fahrrads. Historiker bringen diese Erfindung ausdrücklich mit der Pferdekrise des Jahres ohne Sommer in Verbindung: Wenn Pferde unbezahlbar werden, sucht der Mensch nach Wegen, sich ohne sie fortzubewegen. Dass du heute aufs Rad steigen kannst, hat seine Wurzeln also auch in einer indonesischen Vulkanasche von 1815. Blutrote Himmel – und Turners berühmteste Sonnenuntergänge Die vulkanischen Partikel in der Atmosphäre hatten neben Kälte und Hunger auch eine seltsam schöne Nebenwirkung: Sie färbten den Himmel. Über Monate hinweg zeigten sich in Europa Sonnenuntergänge von ungewöhnlicher Intensität – glühende Orangetöne, tiefes Rot, dramatische gelbe Schleier, wie man sie selten gesehen hatte. Ein Maler fing diese Stimmung besonders eindrücklich ein: der Engländer J. M. W. Turner. Seine Landschaften aus jener Zeit leuchten in jenen unwirklichen Gelb- und Rottönen, die typisch für eine Atmosphäre voller vulkanischer Aerosole sind. Es gilt heute als wahrscheinlich, dass die feinen Teilchen aus dem Tambora-Ausbruch Turners berühmte Himmel mitgeprägt haben. Tatsächlich konnten Forscher später aus den Farbtönen historischer Gemälde sogar ablesen, wie „trüb" die Atmosphäre nach großen Vulkanausbrüchen war – Kunst als unbeabsichtigtes Messinstrument. Dieselbe Art glühender Himmel kehrte übrigens nach späteren Großeruptionen zurück, etwa nach dem Ausbruch des Krakatau 1883 und des Pinatubo 1991. Die Natur signierte ihre Katastrophen mit Schönheit. Der lange Schatten des Tambora Die Folgen des Ausbruchs reichten weiter, als man lange dachte. Forscher bringen sogar eine der tödlichsten Krankheiten des 19. Jahrhunderts mit ihm in Verbindung: Die durch das veränderte Klima ausgelösten Wetterextreme im indischen Bengalen könnten die Ausbreitung eines neuen, besonders aggressiven Cholera-Stamms begünstigt haben, der sich von dort über die Welt verbreitete und über Jahrzehnte Millionen Menschen tötete. Bewiesen ist diese Kette nicht endgültig, aber sie zeigt, wie weit die Wellen eines einzigen Ereignisses schlagen können. Was den Tambora so faszinierend macht, ist nicht nur seine Wucht, sondern seine Reichweite durch die Zeit. Ein Berg explodiert – und Jahre später entstehen ein Roman, der die Science-Fiction begründet, ein Fahrzeug, das die Mobilität revolutioniert, und Gemälde, die zu Ikonen der Kunstgeschichte werden. Hunger und Migration verschieben sich auf Kontinenten. Eine Seuche nimmt vielleicht ihren Anfang. Alles verknüpft, alles ausgelöst von einem einzigen Moment auf einer Insel, deren Namen damals kaum jemand kannte. Warum diese Geschichte heute noch zählt Der Tambora ist mehr als eine historische Kuriosität. Er ist eine der eindrucksvollsten Lektionen darüber, wie eng unsere Welt vernetzt ist – und wie verletzlich. 1815 brauchte es keine Globalisierung im modernen Sinn, damit ein Ereignis auf einer indonesischen Insel die Essteller in Vermont, die Schreibtische am Genfersee und die Pferdeställe in Baden erreichte. Die Atmosphäre selbst war das Netzwerk. Für die Wissenschaft ist der Ausbruch bis heute ein wichtiger Referenzfall: Er zeigt, wie stark Schwefelpartikel in der hohen Atmosphäre das Klima kurzfristig abkühlen können – ein Mechanismus, der sogar in aktuellen Debatten über mögliche Klima-Eingriffe (das sogenannte „Solar Geoengineering") eine Rolle spielt. Was 1815 eine Katastrophe war, ist heute ein Studienobjekt dafür, wie das System Erde auf plötzliche Störungen reagiert. Und vielleicht ist das die schönste Pointe der ganzen Geschichte: Aus dem dunkelsten Jahr der jüngeren Geschichte entstanden Werke und Erfindungen, die das Leben heller gemacht haben. Manchmal kommt das Bemerkenswerteste aus dem Grau. Quellen und zum Weiterlesen Gillen D'Arcy Wood: Tambora: The Eruption That Changed the World (Princeton University Press) – das Standardwerk zum Thema Encyclopædia Britannica: „Mount Tambora" NOAA / NESDIS: „This Day in History: Mount Tambora Explosively Erupts in 1815" Live Science: „The Greatest Eruption in Human History: Mount Tambora" History.com: „The Deadliest Volcanic Eruption in History" CNN: „Why a volcanic eruption caused a ‚year without a summer' in 1816"
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